Der Ökumenische Pilgerweg
Erfahrungsaustausch

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Gesendet am 28/06/11 00:08:57
DagmarW
Beiträge: 2

Erfahrungen auf dem Weg
Ich bin vom 30.5. bis 22.6. von Görlitz nach Naumburg gepilgert und möchte Euch ganz begeistert an meinen Erfahrungen teilhaben. Vielleicht unterstützen diese die Menschen, die sich noch nicht sicher sind, ob der Weg etwas für sie ist. Mir selbst haben die Beiträge hier im Forum, gerade die mit den praktischen Hinweisen, in der Vorbereitung sehr geholfen.

Vorbereitung/Ausrüstung
A und O sind Wanderschuhe und Rucksack. Ich bin ab und an in den Bergen unterwegs und habe meine gut eingelaufenen Bergschuhe dabei gehabt, um die ich sehr froh war. Mein Rucksack ist mit einem Fassungsvermögen von 32 Litern eher klein. Da ich aber jeden Rucksack voll bekomme, ist die Taktik, einen kleinen zu nehmen, die richtige gewesen. Mein Rucksack hatte inkl. Verpflegung und Getränke ein Gewicht von 10 bis 11 kg, was ich als eher kleine Frau mit 60 kg Körpergewicht gut tragen konnte.
Als sehr praktisch hat sich der Kauf einer kleinen Tasche mit abnehmbaren Umhängegurt erwiesen, die man auch an die Rucksackseite anbringen kann. Hier habe ich Pilgerführer, Notizbuch und Geld hineingetan, immer griffbereit gehabt und konnte sie als Umhängetasche bei Stadterkundungen mitnehmen. Sogar ein kleiner Schirm hatte darin Platz. Super praktisch war auch eine größere Brotbüchse aus Aluminium, bei der ich zuerst ob der scharfen Kanten (die sich aber beizeiten abnutzten) skeptisch war. Hier konnte ich auch Joghurtbecher und Kohlrabi hinein tun.
Isomatte ist mitzunehmen, da es einmal sein kann, dass alle Matratzen belegt sind. Ich hatte eine leichte Sommerisomatte dabei, die ich allerdings nicht gebraucht habe. Auch ein Schlafsack ist Pflicht. Da ich im Sommer unterwegs war, habe ich mich entschieden, nur eine Art Hüttenschlafsack, allerdings aus Flanell, sodass er sich ein bisschen wie eine Decke anfühlt, mitzunehmen. Ich habe in jeder Herberge Decken vorgefunden, sodass ich in der Nacht nie gefroren haben. In der Neumarktkirche in Merseburg habe ich neben mehreren Decken oben und unten noch meine Sigg-Wasserflasche mit warmem Wasser als Wärmflasche genutzt.
Kleinere Dinge, die wichtig sein können, sind Reepschnur (meterweise im Sportgeschäft/Kletterbedarf zu kaufen, kann als Wäscheleine, Ersatz für gerissene Schnürsenkel, Anbindehilfe, um mal was am Rucksack anzubringen, genutzt werden), kleine Taschenlampe und Taschenmesser.
Den Rucksack habe ich vorher mehrfach ein- und ausgepackt und versucht, die Dinge, die ich mitnehme soweit wie möglich zu reduzieren.
Ansonsten habe ich mich nicht weiter vorbereitet. Keine Vorbereitungstouren. Meine bis dato einzige Erfahrung mit Mehrtagestouren war eher wenig erbaulich: Auf einer 2-Tages-Tour war ich nach 26 km am 1. Tag dermaßen platt, dass ich am 2. Tag den Bus nahm.

Etappenlänge, Ausschilderung
Mit dieser Vorerfahrung habe ich meine Etappen so geplant, dass ich meist um die 20 km am Tag gelaufen bin. An einigen Tagen war es deutlich weniger, die maximale Strecke waren 23 km.
Die Ausschilderung ist, bis auf wenige Ausnahmen, optimal - vielen Dank an die Menschen, die dafür sorgen! Man geht wie ferngesteuert. Ich hatte neben dem Pilgerführer auch die 2 Wanderkarten aus dem Barthels-Verlag mit, was eher meinem Sicherheitsbedürfnis geschuldet war. Die Wanderkarten sind allerdings mit ihren genauen km-Angaben sehr gut: zur Planung der Tagesetappe und zur Motivation ("super, schon 1/3 geschafft" usw.).

Verpflegung
Prinzip ist: Immer einkaufen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Wenn ich in eine Stadt eingelaufen bin und Lidl/Aldi/Netto ... des Weges auftauchten, bin ich sofort hinein, habe mich mit 2 Flaschen Apfelschorle und 2 Joghurts eingedeckt und jeweils 1 gleich an Ort und Stelle verzehrt. Auf dem Lande sind ab und an Bäcker- und Fleischerwägen unterwegs, auch hier gilt: zugreifen! Gut ist, jeweils 2-3 Semmeln dabeizuhaben, um auch über Abendbrot und Frühstück hinwegzukommen. Bei den Herbergen habe ich vorher immer gefragt, ob ich etwas zum Frühstück bekommen bzw. wo ich im Ort einkaufen kann. Wenn Feiertag/Sonntag ist oder es insgesamt knapp ist: lieber mal in einer Pension mit Frühstück übernachten, dann ist der Tag gerettet. Als Notration hatte ich getrocknete Aprikosen (nicht benötigt) und 2 Tütensuppen dabei. Zum Trinken jeweils 1 l Wasser oder Tee und ggf. 1/2 l Apfelschorle. Die Flaschen habe ich mir unterwegs auch einmal auffüllen lassen.
Essen, Trinken - ein großes Thema; aber ich war nie hungrig, ohne etwas zu Essen dabeizuhaben.

Herbergen
Ich habe meistens gegen Mittag in den Herbergen telefonisch angefragt. Es ist sehr spannend, in welchen unterschiedlichen Häusern man so übernachtet. Und es ist eindrucksvoll, mit wieviel Vertrauen die Herbergseltern mir, obwohl sie mich nicht kennen und noch nie gesehen haben, "nur" weil ich Pilger bin, begegnet sind. Das war eines der eindrücklichsten Erlebnisse auf meinem Weg. Und so möchte ich mich bei allen Herbergseltern, die mir Obdach gewährt haben, bedanken.
Besondere "Übernachtungserlebnisse" waren
- Arnsdorf (Landkino)
- Waltraud Schönborn/Neubelgern
- Alte Herberge Wetenca
- Jeweils ein Haus für mich ganz alleine: Heimathaus Reichenau, Kultur- und Pilgerverein Kleinliebenau
- Eine ganze Kirche für mich alleine: Neumarktkirche Merseburg
- Pension Rita Steinborn/Schönfeld
- Zu viert auf engstem Raum, auch das geht gut: Karosseriebau Fiedelak/Freyburg

Alleine pilgern
Ich bin alleine gepilgert, in meinem Tempo, mit meinen Gedanken. Auf dem Weg und insbesondere in den Herbergen habe ich ab und an Mitpilger getroffen, war aber auch oft allein. Das Alleinsein hat mir, v.a. wenn ich in der Natur war, nichts ausgemacht. Es kam vor, dass ich mir Begegnungen gewünscht habe - und am nächsten Tag waren sie da.
Und: Man kommt mit den Menschen am Wegesrand wirklich ins Gespräch! Die sind Pilger gewohnt, fragen, woher man kommt, wohin man geht, erzählen von sich und der Gegend, in der sie leben.

Körperliche Beschwerden
Irgendwas tut immer weh. Da gab es diese Stelle an der Halswirbelsäule, 2 kleine Blasen und die Füße insgesamt. Aber am nächsten Tag gehts wieder. Pausieren musste ich allerdings für 5 Tage wegen Schmerzen im Sprunggelenk - da ging dann wirklich nichts mehr. Aber das ist für mich auch wichtig gewesen: Auf meinen Körper hören, spüren, was dran ist, Abstriche machen (nicht den ganzen Weg wie geplant schaffen, sondern mir was fürs nächste Jahr aufheben). Ganz besonderen Dank an Fam. Schwarzer in Rossbach/Braunsbedra, die mich ganz unkompliziert in dieser Situation zum Bahnhof kutschiert haben.

Pilgern, Weg als Ziel, Spiritualität, Kultur
Für mich hat gerade dieser Weg eine Bedeutung, weil er an meiner Heimatstadt vorbeiführt. Er ist für mich zu einem "Familienweg" geworden. Mein Bruder, meine Mutter haben mich jeweils einen Teil einer Etappe begleitet. Dieser Weg führte mich auch zum ersten Mal nach der Beerdigung an das Grab meines Vaters. Ich bin vor mehr als 20 Jahren von zuhause weg gegangen und konnte nun noch einmal ganz langsam diesen Weg von Ost nach West gehen. Das empfand ich als sehr heilsam.
Während des Gehens habe ich oft laut gesungen und gebetet. Dieses Beten im Gehen war sehr bereichernd für mich.
Ich habe auch gemerkt, dass ich etwas von den Städten und Menschen am Weg mitbekommen möchte. Deshalb war es für mich wichtig, Pausen zu machen, mir Städte anzuschauen, mich irgendwo hinzusetzen und zu schauen, was passiert. Ich habe zu den Orten, durch die ich gegangen bin, jetzt ein ganz besonderes Verhältnis. Vielleicht lenkt mein kulturelles Interesse vom In-mich-Gehen, vom Zu-mir-Kommen auch ab. Aber dieses Interesse, diese Neugier ist eben in mir.
Was ich auch auf dem Weg gespürt habe, ist, offen zu sein für das, was kommt und dieses dankbar anzunehmen.

Ich freue mich aufs nächste Jahr, dann gehts von Naumburg bis Vacha.
Allen Pilgern einen guten Weg und dank an alle, die es möglich machen, dass wir Pilger unterwegs sein können,
Dagmar

Gesendet am 01/07/11 20:23:55
Kathrin
Beiträge: 4

Re: Erfahrungen auf dem Weg
Vielen Dank für deine wundervolle Beschreibung, liebe Dagmar.
Dein Beitrag macht richtig Mut und Lust sofort loszugehen. Ich hoffe, dass ich in 3 Wochen starten kann. Allerdings richtungsverkehrt. Mal sehen, ob das möglich ist.

Besten Gruß
Kathrin

Gesendet am 09/04/16 15:43:21
Anne
Beiträge: 3

Re: Erfahrungen auf dem Weg
Hallo Dagmar,
das ist ja fantastisch.Ich habe vor, im August die gesamte Strecke von Görlitz bis nach Vacha zu gehen.Dein Bericht hat mein Interesse noch mehr geweckt und macht mich neugierig.Ich habe sowas noch nie gemacht,und bin daher etwas aufgeregt,ob man das alles so schaffen kann und wie es wird alleine unterwegs zu sein.Meine Intention ist es,zu mir selbst zu finden,wandern als Meditation und Inspiration zu nutzen und auch physisch die Herausforderung der Strecke anzunehmen.Dein Bericht war klasse,kurz,knackig und auf den Punkt gebracht.Da bekommt man direkt Lust augenblicklich loszugehen.Vielen Dank dafür,Lieben Gruss,Anne

Gesendet am 11/04/16 09:44:10
Volker Schikowsky
Beiträge: 145

Re: Erfahrungen auf dem Weg
Hallo Anne,
wenn Du Lust auf noch mehr hast, kann ich den Elisabethpfad II Eisenach-Marburg empfehlen. Sein Herbergssystem wurde analog des Systems am Ökumenischen Pilgerweg aufgebaut, ist genau so gut, nur noch geringfügig dünner und geringfügig teurer. Du kannst von Eisenach aus den Elisabethpfad weiterpilgern.
Meine Frau und ich, wir querten von Vacha über Friedewald nach Ronshausen, von wo aus wir den Zug zum Einstieg in Malsfeld nahmen. (Bei 35 °C im Schatten verzichteten wir auf den Fuldaradweg, den wir hätten gehen können.)
Den Weg bis Ronshausen habe ich hier gemapt:
http://www.gpsies.com/map.do?fileId=cissndhxbnqvuslw
Buen Camino
Volker

Gesendet am 04/06/16 16:59:45
klata
Beiträge: 27

Re: Erfahrungen auf dem Weg
Guten Tag DagmarW,
nachdem ich den ganzen Weg schon mehrmals ging, kann ich Dir gut nachempfinden.
Danke für den tollen Beitrag, hervorragende Schilderug!
Buen camino y utreia
Klaus

Gesendet am 08/06/16 22:06:24
kanalimkerin
Beiträge: 4

Re: Erfahrungen auf dem Weg
Liebe Dagmar, vielen Dank, das ist ein toller Einblick! Ich möchte als Pilger-Neuling im August ab Leipzig gehen. Tatsächlich auch mir kurzen Etappen, um viel Zeit zum Lesen, Denken, Beten, Begegnen zu haben. Dein Bericht macht viel Lust drauf! Herzliche Grüße von der kanalimkerin

Gesendet am 07/09/16 20:24:50
Simone
Beiträge: 2

Erfahrungen auf dem Weg
Guten Abend, vom 19.08.-25.08. durfte ich meine erste Pilgererfahrungen machen und diese waren einfach nur positiv. Zu Beginn ein riesengroßes Kompliment an alle fleißigen Helfer, die diesen Weg möglich machen. Die Ausschilderung war sehr gut. Dies hat meine Wanderung unheimlich erleichtert. Ich musste nicht ständig meine Wanderkarte herausziehen und prüfen. Meine Bedenken waren vor Beginn des Weges ob ich die erste Etappe nach Arnsdorf schaffe...aber die Sorge war unbegründet. Man hat den ganzen Tag Zeit und die Hochsteinbaude bietet eine wunderbare Rastmöglichkeit. Ich bin auch sehr dankbar für den Pilgerführer mit seinen Übernachtungsmöglichkeiten...und jede Unterkunft war ein Geschenk für die Seele. Ein großer DANK an all die herzlichen Herbergseltern...das war eine wunderbare Erfahrung. Im Türmerhaus in Kamenz habe ich ganz alleine übernachtet und mich bissel gefürchtet, aber auch unbegründet. In der Nacht haben sich ein paar Jugendliche "verirrt" zum Pokemon jagen. Nächstes Jahr möchte ich, so Gott will, in Königsbrück starten und freue mich darauf....Falls jemand Fragen hat...nur zu.
Bien camino
Simone

Gesendet am 14/10/16 11:08:19
Marianne
Beiträge: 1

Re: Erfahrungen auf dem Weg
Wir, 2 Frauen 60+, sind Anfang September von Eisenach nach Vacha und dann auf dem Jakobsweg weiter nach Fulda gepilgert, nachdem wir vor 2 Jahren die Strecke von Erfurt nach Eisenach gegangen waren. Da ich im Vorfeld hier im Forum gute Tipps gefunden hatte, möchte ich nun auch einige unserer Erfahrungen weitergeben. Wir haben nicht in öffentlichen Herbergen übernachtet, da wir auf Schlafsack und Isomatte verzichten wollten und sind in nicht so teuren Pensionen und Hotels eingekehrt. Da wir aber wegen unserer Etappeneinteilung in Wünschensuhl übernachten wollten, hatten wir uns im dortigen Pilgerhostel angemeldet, wo wir auch noch - was sehr schön war - eine junge Pilgerin antrafen. Das Hostel hatte alles, was man braucht, auch einen mit Getränken gefüllten Kühlschrank (alle Kosten auf Vertrauenskasse). Der nette Herbergsvater - der nicht im Haus wohnt - brachte sogar noch frisches Brot! So konnten wir uns am nächsten Morgen gestärkt auf den Weg nach Vacha machen. Wer so wie wir auf dem Jakobsweg weiter pilgern will, kommt auch durch den Ort Bremen. Von dort ca. 1,5 km abseits vom Jakobsweg liegt die kleine, aber sehr feine Pension Oberlützensbachhof der Familie Peter. Wer in seine Etappe diesen Umweg einplant, wird es nicht bereuen. Mit Liebe zum (auch spirituellen) Detail eingerichtete Zimmer, toller Garten, eine sehr freundliche Wirtin, sowie ein phantastisches Frühstück haben uns gut auftanken lassen.

Insgesamt war es eine sehr schöne Woche, in der wir die herrliche Landschaft genossen haben und viele tolle Begegnungen und Gespräche am Wegesrand hatten. Für uns allerdings wegen der vielen Auf- und Abstiege und der so nicht erwarteten Temperaturen von z.T. mehr als 30° auch recht anstrengend. Aber wir machen weiter, so Gott will nächstes Jahr von Porto nach Santiago.

Soweit einige Eindrücke. Allen Mitpilgern herzliche Grüße und all denen, die noch überlegen: traut Euch, geht los, Ihr werdet es nicht bereuen!

Buen camino y utreia,
Marianne
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